Empört Euch … und dann einfach mal die Fresse halten!
Aktualisiert am 21.03.2011, 0 Dateianhänge, 0 Kommentare
Ich kenne kaum eine Schrift, die an Kürze, Prägnanz und Bedeutung aus eigener Lebenserfahrung vergleichbar wäre mit der von Stéphane Hessel, deren Titel und Aufruf ich für den Anfang meiner Kurzmitteilung gewählt habe.

Die furchtbaren Ereignisse der letzten Woche in Japan lassen uns erschaudern und als Nuklearmediziner wird man natürlich sofort als Experte für die Information zur Strahlungsproblematik ge-braucht, aber fast noch schneller für die gnadenlose Nutzung eines Superevents für Informationsindustrie und Parteipolitik miß-braucht, denn:

Bad news are good news!

Die eventverarbeitende Szene unserer Gesellschaft hat daher zutiefst dankbar zugegriffen und ein tragisches Ereignis am anderen Ende der Welt aus Eigeninteresse skrupellos in die Hirne einer trägen Wohlstandsgesellschaft transportiert, sie hat diese Hirne im Bereich des limbischen Cortex, wo die Gefühle und damit auch die Angst zu Hause sind, im wahrsten Sinne des Wortes „verstrahlt", höchst effektiv!

Für diesen Eingriff in die Hirne unserer Gesellschaft ist der Begriff „Verstrahlung" methodisch korrekt und zutiefst zutreffend, während er in der allgegenwärtigen Mediendauerberieselung nur von selbsternannten Experten verwendet wird, die keine eigene Erfahrung im Umgang mit Radioaktivität haben. Insofern kann man die Agnostiker auf diesem Gebiet ganz einfach an der Sprache erkennen, wie schön!

Als Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nuklearmediziner e.V. (BDN) wurde ich von verschiedenen Sendern der Fernseh- und Hörfunkbranche um Beteiligung gebeten, was ich bis auf reine Informationsanfragen zum Grundsätzlichen und - sehr gerne - zur besonderen Gefährdung von Kindern abgelehnt habe.

Vom weiteren Medienspektakel sollten wir uns als Nuklearmediziner fern halten, solange wir keine gesicherten Erkenntnisse über Art und Umfang der Kontamination haben und - ganz wichtig - ordentliche eigene Kenntnisse beim Umgang mit kontaminierten Menschen und den erforderlichen und möglichen Maßnahmen. In Deutschland haben wir mit Prof. Dr. Dr.(Minsk) Reiners einen sehr erfahrenen Experten, der gerade an diesem Wochenende zu seinem Abschied aus dem Amt des Ordinarius für Nuklearmedizin in Würzburg ein Symposium zu Ehrung seiner Arbeit erleben darf, die in tragischer Aktualität an großer Bedeutung gewonnen hat.

Mit ihm zusammen könnten wir überlegen, in welcher Form in Japan durch uns überhaupt Hilfe gebraucht wird zur Bewältigung der radioaktiven Kontamination. Es gibt mit Sicherheit durch die Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki große Kenntnisse und Erfahrung auf diesem Gebiet und technologische Hilfe wird das Hightec-Japan kaum benötigen. Eine Orientierung über die Deutsch-Japanische Gesellschaft könnte ein sinnvoller erster Schritt sein, bevor gut gemeinte Hilfsangebote mehr Verstimmung als Dank oder Anerkennung bewirken.

Durch die anhaltende Hirnverstrahlung mit Angstinduktion in weiten Teilen unserer Gesellschaft werden wichtige Schritte zur Bewältigung aktueller Probleme unserer Gesellschaft wohl entscheidend beeinflusst werden, die Vorteilsnehmer werden es dankbar begrüßen und die Bedächtigen und Abwartenden werden wohl demokratiegemäß zu den Verlierern gehören - Demokratie ist eben Scheiße, wenn man nicht die Mehrheit hat.

Gegen diese angstinduzierende Hirnverstrahlung müssen wir uns aber wehren, wir müssen uns echt empören!

Unsere Medien berichten, dass sich die Bevölkerung und die Regierung in Japan bisher sehr ruhig und diszipliniert verhalten hat, die Strahlung hat offenbar die Hirne dort noch nicht erreicht. Zum Leidwesen unserer Medienkonzerne wohl, denn einige Stimmen über Informationsdefizite und Ängste der Bevölkerung werden bei uns eifrig breit zur Kenntnis gebracht, ungeachtet dessen, inwieweit sie repräsentativ sind für die breite japanische Bevölkerung.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen und tief respektieren, dass sich dieses Japan, diese uralte Kulturnation, in einer sehr unwirtlichen und rohstoffarmen Region eines anderen Ortes äußerst reichen und angenehm zu bewohnenden Planeten zur drittgrößten Industrienation der Welt entwickelt hat und mit den besonderen Risiken dieser Region zutiefst vertraut ist und sie gestützt durch Tradition und Religion akzeptiert und trägt.

Wenn nun die besonderen Naturrisiken dieser Region in bisher unbekannter Weise zur Realität geworden sind und ein bisher beherrschtes Technologierisiko sich als nicht ausreichend beherrschbar erwies, dann trägt und erträgt der Japaner das offensichtlich in großer Fassung. Die Regierung und das Königshaus informieren die Bevölkerung in angemessenem Umfang, insoweit die aktuelle Situation es aus Gründen der Praktikabilität erfordert. Es gibt sie dort offensichtlich nicht, die gnadenlose eventverarbeitende Informationsindustrie, aus meiner Sicht ist das neben der Tragödie ein großes Glück für Japan. Die Verantwortlichen verneigen sich in Demut und bitten um Entschuldigung - sie machen den Kotau, obwohl sie sich bei großem gesellschaftlichen Konsens für die Energiepolitik ihres Landes sicher keiner persönlichen Schuld bewusst sein müssen. Und das wird es dann auch sein!

Und nun wird man sofort in uralter Tradition aufräumen, Schaden erfassen, planen und neu aufbauen. Übergroßes Jammern oder Angst werden wir dabei nicht erleben, sondern die Antwort einer Hightec-Nation mit neuen Lösungswegen für Risiken, die größer waren als über Jahrhunderte erlebt. Die Umsiedlung von 500 000 Menschen bei 130 Millionen Einwohnern sollte dabei kein unüberwindbares Problem sein und die längere Sperrung von ca. 1000 Quadratkilometern auch nicht.

Unsere Aufgabe muss darin bestehen, dass wir mit eigener ärztlicher Erfahrung im Umgang mit Radioaktivität unsere Familien, Mitmenschen und Patienten zurückhaltend korrekt informieren, strikt unter Berücksichtigung gesicherter Daten. Prof. Biersack hat sich in seinen Diskussionsbeiträgen immer eindeutig positioniert: "Wir wissen doch bisher überhaupt nicht, in welchem Umfang und wie intensiv die Menschen in der Umgebung der Kernreaktoren kontaminiert wurden".

Da die direkte Umgebung sehr schnell geräumt wurde, könnte die gemessene Kontamination der Menschen durchaus nicht so hoch sein, wie befürchtet.

Der Abbau der Hirnverstrahlung unserer Wohlstandsgesellschaft wird sehr schwierig sein, denn sie wird von den Vorteilsnehmern sehr sorgfältig gepflegt werden, dagegen müssen wir mutig angehen und uns über diese Entwicklung kräftig empören.

Weiter gehende Diskussionen mit allwissenden Meinungsbildern sollten wir meiden und uns eher an die Empfehlung des Kabarettisten Dieter Nuhr halten:

... und wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

Prof. Dr. Jörg Mahlstedt
Vorsitzender des BDN


P.S. Lesen Sie FAZ, 19.3.2011 Seite 40 „Es widert ihn an". Diesen Bericht über den letzten „Satiregipfel" von Dieter Nuhr habe ich aber erst gelesen, als ich meinen Beitrag schon fertig hatte. Ich darf mit Freude daraus zitieren:

Es sei „ein bisschen eine schwierige Zeit für Satire" im Fernsehen, sagte Nuhr zur Begrüßung, schließlich gehe die Angst um: Die Angst vor dem atomaren Super-GAU. Die Japaner seien - was viele sagen - gefasst, die Deutschen kauften Geigerzähler. Nuhr trifft die Lage: Wir leben in einer Panikrepublik. (...) Dieter Nuhr ist dabei auch nicht das abstoßendste Merkmal der hiesigen Betrachtungsweise entgangen, „Meine ich das nur", fragt er, „oder schwingt bei einigen die Freude über das Rechthaben in der Atomkraftfrage höher als das Mitleid mit den Opfern?" Nein, das meint nicht nur er. „Das widert mich an, ich kann es Ihnen gar nicht anders sagen", ergänzte der Satiriker ganz ernst und ließ für den Augenblick jede Pointe fahren. Dafür gab es großen Applaus. Zu Recht.

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