von Prof. Dr. Jörg Mahlstedt
Kurzfristig wirkungsvolle fachübergreifende Vertretung fachärztlicher Belange in Praxis und Klinik ist wahrscheinlich eine unlösbare Aufgabe, denn wegen der grundlegenden Heterogenität fachärztlicher Interessen im Vergleich zu den homogenen Interessen haus- bzw. allgemeinärztlicher Tätigkeit gibt es kaum eine für die Breite der Fächer geeignete Methode, Wirkung und Erfolg einer solchen Vertretung zu beschreiben und darzustellen. Die Arbeit der GFB erfolgt peripher auf Länderebene im Empfinden der Fachärzteschaft erfolgreich, denn die engagierten Fachärzte – sehr häufig in einflussreichen Positionen in KV oder Ärztekammer – können unmittelbare Erfolge anstreben und erleben. Für die übergeordnete Arbeit der GFB auf Bundesebene ist das Erarbeiten von vorzeigbaren Erfolgen enorm schwierig. Das Engagement für die unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen einzelner Verbände hat zu verständlichen Kontroversen geführt, Aktivitäten in diesem Bereich scheiden für die Zukunft also aus.
Einzelne Verbände sahen deshalb schon seit einiger Zeit eine Mitgliedschaft in der GFB nicht mehr als erstrebenswert an und traten ohne Aufsehen einfach aus – nun denn.
Andere Fächer, durch ihre organbezogene Tätigkeit mit ähnlichen Interessen, fanden sich aus Unzufriedenheit mit der Arbeit der Bundes-GFB in der sog. Potsdamer Runde zusammen und entwickelten in einzelnen Aktionen wertvolle und wichtige Projekte.
Nun entwickelte sich im letzten Jahr auf dem Boden eines Generationswechsels in der Verbandsführung von HNO-Ärzten und Orthopäden ein Strategiewechsel in der sog. Potsdamer Runde, der in seiner Intensität und Konsequenz initial nicht zutreffend eingeschätzt wurde, weil diese Strategie unter dem Gebot der im Berufsrecht verankerten und grundlegenden ärztlichen Kollegialität nicht erwartet werden mochte. Im Januar 2010 wurde diese neue Strategie erstmals präsentiert und sie wurde von der Mitgliederversammlung als Tendenzbeschluss mit einer einzigen Stimme mehrheitlich akzeptiert. In den folgenden Monaten hat sich der GFB-Vorstand intensiv bemüht notwendige Reformen anzustreben, grundlegende zeitgerechte Kommunikationsplattformen und – wege zu etablieren und auch gemeinsame Wege mit sehr kritischen Verbänden zu finden.
Dieser durchaus mühevolle Weg fand ein abruptes Ende bei der GFB-Präsidiumssitzung am 11.6.2010. Hier verkündete der beigeladene Vertreter der Potsdamer Runde das erklärte Ziel dieser Gruppe:
„Alle Vertreter der fachärztlichen Verbände sind Alphatiere, die in totaler Konkurrenz zueinander stehen. Die Bundes-GFB ist eine störende Machtposition : unerwünschte Konkurrenz. Diese gilt es zu zerstören durch Reduktion auf UEMS-Verwaltung und eine bedeutungslose koordinierende Dachorganisation. Der unmittelbare Druck wird erzeugt durch Einstellung der Beitragszahlung und Austrittsdrohung. Die Einbehaltung der Beitrage erfolgt nicht aus Gründen der finanziellen Not, sondern zur gezielten Realisierung von Einzelaktionen der sog. Potsdamer Runde “.
Unter dem Eindruck dieses Auftrittes – cool, durchdacht und unmissverständlich – hat die Mitgliederversammlung der GFB am 24.6.2010 nach eingehender Diskussion den Tendenzbeschluss vom Januar 2010 mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Es ist zu erwarten, dass die Meinungsführer der sog. Potsdamer Runde aus der GFB austreten werden und andere, die die o.g. Strategie der „Potsdamer Organegoisten“ in gleicher Weise akzeptieren, könnten das auch tun.
Dieses ist in der jüngeren Geschichte der GFB ein bedeutsames Ereignis: hier findet eine Katharsis statt - bei Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie und in der Psychologie die psychische Reinigung nach affektiver Erschütterung – als eine Selbstreinigung, nach der die verbleibenden Kräfte – und das sind sehr viele Verbände – endlich ohne Rücksicht auf erpresserische Egoisten die Arbeit ehrenamtlich tun können, die für die übergeordnete Präsentation fachärztlicher Anliegen dringend erforderlich ist und auch gefordert wird von verschiedensten Gremien und Institutionen.
Verbände, die jetzt mit dem Gedanken spielen, die GFB zu verlassen, müssen sich sehr genau überlegen, ob sie ihren Mitgliedern das Kainszeichen des deklarierten Fachegoismus an die Stirn heften wollen.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Mitglieder der jetzt austrittsentschlossenen Verbände über den dann öffentlich verkündeten Organegoismus mehrheitlich glücklich sein werden. Die periphere GFB-Arbeit wird sich merkwürdig gestalten, wenn die dbzgl. Fachkollegen dann nicht selbstverständlich als Mitglieder teilnehmen, sondern nun kollegialiter bei den GFB-Treffen mit eingeladen werden aus gutem Grund, obwohl die Bundesführung ihres Verbandes von eben dieser Kollegialität nicht mehr viel hält.
Als Mitglied einer Studentenverbindung mit Lebensbundprinzip kenne ich die Probleme der Meinungsbildung und –umsetzung einer generationenübergreifenden Gemeinschaft sehr gut und gelegentlich führt ein Meinungsstreit auch einmal zu vorübergehender beobachtender Distanz, aber ein Austritt stand nie zur Diskussion, schon gar nicht wegen der Beitragszahlung.
Denn, wenn man austritt, dann muss man sich auch überlegen, wo man wieder eintreten will und kann.
Nach langjähriger Teilnahme an ehrenamtlicher berufspolitischer Arbeit und auch Mitarbeit im erweiterten Vorstand der GFB sehe ich für mich selbst, für meine Praxis und für meinen Verband einen Erfahrungsfundus, den ich überhaupt nicht einschätzen kann im wahren Ausmaß. Das stete Treffen und die Aussprache mit Kolleginnen und Kollegen aller Fachrichtungen, die den Willen und die Kraft aufbringen, über den Tellerrand zu blicken und gemeinsame ärztliche Interessen zu verfolgen, ist unverzichtbar und prägt die wirklich Erfolgreichen unter uns.
Eine Klinik und eine Praxis, die von Organegoismus geprägt ist, wird kaum eine echte Spitzenposition erreichen, denn anspruchsvolle ärztliche Leistungsträger und anspruchsvolle Patienten werden sie nicht vorrangig aufsuchen.
Von erfolgreichen Beratern wird oft die Erfahrung berichtet: Erstklassige suchen sich Erstklassige, Zweitklassige suchen sich Drittklassige.
Jeder Verband muss entscheiden, wozu er gehören möchte und wie er nach der Katharsis sein Engagement in der GFB leben will.